CDU-Bundestagskandidat Marc Biadacz, Paul Nemeth MdL, Prof. Dr. Ortwin Renn und der Journalist Jan-Philipp Schlecht (v.l.) in der Diskussion mit dem Publikum

Holzgerlingen, 26.6.17. „Egal welche Wahl, egal welche Partei – dieses Thema lässt uns keine Ruhe“, waren die einleitenden Worte des Böblinger CDU-Landtagsabgeordneten Paul Nemeth zur Podiumsdiskussion mit CDU-Bundestagskandidat Marc Biadacz, dem Redaktionsleiter Digital der Kreiszeitung Böblinger Bote Jan-Philipp Schlecht und Prof. Dr. Ortwin Renn. „Was entscheidet eine Wahl - Fakten oder Fake?“, lautete die Frage, über die sich Publikum und Podiumsteilnehmer auf Einladung des CDU-Stadtverbands Holzgerlingen in der Burg Kalteneck eine angeregte Diskussion lieferten - mit dem Ergebnis, dass in Zeiten von Informationsüberflutung und emotionalisierten Debatten einmal mehr mündige Bürger gefordert sind, die im kritischem Dialog mit Politik, Wissenschaft und Medien die Grundlagen unserer Demokratie leben und erhalten.

Prof. Renn, international anerkannter Soziologe und Träger des Bundesverdienstkreuzes zeichnet zu Beginn ein beunruhigendes Bild: „Die Demokratie lebt von Auseinandersetzungen und einer Debattenkultur, die uns erlaubt mit Widersprüchen umzugehen. Dieses Lebenselixier der Demokratie ist in Gefahr.“ Vor allem im Internet bewegten sich viele Menschen zunehmend in Räumen, in denen ihnen keine konträren Meinungen begegnen. „Diese Wählerschaft will gar nicht mehr diskutieren - das ist der Tod der Demokratie!“, mahnte Renn, der nach der Atomkatastrophe in Fukushima im Beraterstab von Bundeskanzlerin Angela Merkel tätig war und seit Februar 2016 das Institut für Nachhaltigkeitsstudien (IASS) in Potsdam leitet. 

So würden sich viele Debatten verselbstständigen und Politiker wie Journalisten hätten angesichts festgefahrener Meinungen oft Schwierigkeiten zu einer Versachlichung der Diskussion beizutragen. Marc Biadacz, CDU-Bundestagskandidat und Gemeinderat in Böblingen kann diesen Eindruck aus seiner eigenen Erfahrung bestätigen: „Fakten sprechen die Menschen weniger an als die emotionsgeladenen populistischen Aussagen beispielsweise von der AfD. Für mich als Politiker ist das ein großes Dilemma, weil ich natürlich die Gefühle der Menschen ernst nehmen, mich aber auch an die Fakten halten will.“ Prof. Renn erklärt: „In komplexen modernen Gesellschaften sind ‚Faktenchecks’ nur noch über Experten möglich, auf die wir dann vertrauen müssen, ohne die Informationen selbst nachprüfen zu können. Das Vertrauen in Eliten sinkt allerdings – oder wird nach Merkmalen vergeben, die nichts mehr mit der Sache zu tun haben. So gewinnen emotionale Argumente gegenüber rationalen die Überhand.“

 Wie umgehen mit Menschen, an denen Fakten abprallen, weil sie sich ihre Meinung schon gebildet haben?

 „Was man heute ‚Fake News’ nennt, sind selten wirklich ‚gefälschte Nachrichten’, sondern vielmehr Ausschnitte einer vielschichtigen Wahrheit, aus der sich jeder die eigene aussuchen kann. Das führt zu einer gefährlichen Resistenz gegenüber Argumenten der Gegenseite“, schildert Jan-Philipp Schlecht von der Kreiszeitung Böblinger Bote. Als Lokaljournalist sieht er hier ganz klar eine Aufgabe für die Medien: Menschen mit verschiedenen Positionen an einen Tisch bringen, Diskussionen anregen und moderieren. Ein erster Praxistest dieser Idee, scheitert allerdings nur wenige Minuten später, als Prof. Renn versucht, fachkundig auf eine Frage aus dem Publikum zur Energiewende zu antworten. „Völliger Blödsinn!“, ruft der Zuhörer aufgebracht und marschiert Richtung Ausgang. „Diese Propaganda ist ja unerträglich.“ 

Marc Biadacz schüttelt bedauernd den Kopf: „Genau das meine ich. Es ist sehr schwer, den gefühlten Wahrheiten der Menschen mit Fakten zu begegnen, aber wenn ich ihn das nächste Mal sehe, werde ich versuchen, ihn genau in diesem Gefühlszustand abzuholen und nochmal mit ihm zu diskutieren.“ ‚Vom Stammtisch zum Runden Tisch’ nennt Prof. Renn diese Strategie, die eine Diskussionskultur neu entfachen soll, die tatsächlich dem Austausch von Argumenten dient und nicht der Selbstbestätigung. Am Ende einer spannungsvollen Debatte erscheint das für alle Anwesenden wie eine Lösung: Diskutieren, einander zuhören und voneinander lernen, angetrieben von politisierenden Herausforderungen und unterstützt durch wissenschaftsfundierten Journalismus, der die Debatten zwischen mündigen Bürgern anreichert und befördert.